Dienstag, 30. Juni 2026

Der Tod Gottes

A: Gott ist tot.
B: Ach du liebe Zeit, ich wusste gar nicht, dass er krank war.
(Beide schweigen.)
B: Oder war es ein Unfall?
A: Nein.
B: Doch nicht etwa Selbstmord? Oder gar Mord?
A. Doch. Es war Mord. Wir haben ihn getötet.
B: Du lieber Himmel! Das ist ja schrecklich. Aber wer um Gottes willen ist „wir“?
A: Na, wir alle.
B. Welche „wir alle“?
A: Wir alle eben. Alle Menschen.
B: Was soll das heißen, „alle Menschen“? Ich etwa auch?
A: Ja.
B: Also, da hört sich doch alles auf. Ich soll Gott getötet haben? Das wüsste ich aber. Ich meine, ich kannte ihn noch kaum. Und ich soll ihn umgtebracht haben? Wann, wo, wie? Ich weiß ja noch nicht einmal, wo er wohnt. Wie hätte ich da … Ich meine, wie käme ich denn dazu … Also wirklich! Das weise ich entschieden zurück. Das lasse ich mir nicht in die Schuhe schieben. Ich …
A: Aber das ist doch metaphorisch gemeint.
B: Was?
A. Der Tod Gottes. Dass wir ihn getötet haben.
B: Er ist also gar nicht tot? Er lebt? Na, Gott sei Dank.
A: Er hat nie existiert.
B: Was reden Sie denn da? Erst sagen Sie, er sei tot. Dann, wir hätten ihn getötet. Dann, das sei bloß eine Metapher, er lebe also noch. Und jetzt behaupten Sie, er habe nie existiert?
A: So ist es.
B: Sie wollen mich doch auf den Arm nehmen.
A: Keineswegs.
B: Dann müssen Sie verrückt sein. Gott … Gott kann doch gar nicht nicht existieren. Seine Existenz ist notwendig. Wenn er Gott ist, muss es ihn geben. Wenn er aber nicht Gott ist, dann braucht er auch nicht zu existieren, dann, äh, aber darum geht es hier gar nicht.
A: Wer nicht existiert, kann auch nicht notwendig existieren.
B: Aber wer notwendig existiert, wenn er existiert, kann auch nicht nicht existieren.
A: Mir doch egal. Gott ist für mich tot und damit basta.
B: Das glauben auch nur Sie. Gott lebt und d a m i t basta.
(Beide ab.)

Samstag, 13. Juni 2026

Polyphem

Polyphem: Wer bist du? 
Odysseus: Niemand. Ich heiße Niemand.
Polyphem: Was willst du hier bei mir?
Odysseus: Ach, eigentlich nichts.
Polyphem: Willst du mit mir in meiner Höhle wohnen?
Odysseus: Nein. Vielleicht. Später.
Polyphem: Gut.
Beide schweigen.
Polyphem: Ist jetzt schon später?
Odysseus: Nein.
Polyphem: Aber du bist noch hier.
Odysseus: Wie du siehst. 
Beide schweigen.
Odysseus(Zu sich selbst.) Ich werde sagen: Er war ein Ungeheuer. Ich werde sagen: Er fraß meine Gefährten. Ich werde sagen: Ich musste ihm mit einem Bratspieß sein riesiges Auge ausstechen. Ich werde sagen: Ich konnte nur durch eine List entkommen.
Beide schweigen.
Polyphem: Niemand, ich liebe dich.
Odysseus: Ich weiß.
Polyphem: Und du?
Odysseus: Was ist mit mir?
Polyphem: Liebst du auch mich?
Odysseus: Nein. Vielleicht. Später.
Beide schweigen.
PolyphemNiemand?
Odysseus: Ja.
Polyphem: Liebst du mich jetzt?
OdysseusNein. Noch nicht.
Polyphem: Wirst du mich jemals lieben?
Odysseus: Nein. Auf keinen Fall. Auch später nicht.
Polyphem: Dann geh weg. Lass mich allein.
Odysseus: Ja. (Bleibt.)
Beide schweigen.
Polyphem: Du bist noch hier.
Odysseus: Wie du siehst.
Polyphem: Ich will es nicht sehen. Ich will dich nicht sehen. Ich will gar nichts mehr sehen! Ich will, dass du gehst. (Er schreit.) Du hast mir wehgetan! Niemand hat mir wehgetan!
Polyphems Brüder: (Von fern.) Bruder, was ist mit dir?
Polyphem: Niemand hat mir wehgetan!
Polyphems Brüder: Wer?
Polyphem: Niemand! Niemand! Versteht ihr denn nicht? Niemand!
Polyphems Brüder: Dann ist es ja gut.
Polyphem: Niemand! 

Dienstag, 26. Mai 2026

Hörspielsituation

A: Du machst das nicht richtig. Schau her. So. Und so. Und so.
B: Warte. Erst so.
A: Ja.
B: Dann so. Und so.
A: Sehr gut.
B: Du hast recht, so ist es besser.

Dienstag, 5. Mai 2026

Julius Cäsar

A: Sind Sie nicht Julius Cäsar?
B: Der bin ich.
A: D e r Julius Cäsar?
B: Gibt es denn noch einen anderen?
A: Keine Ahnung. Jedenfalls … Gut, dass ich Sie mal treffe. Ich sage Ihnen aber lieber gleich, ich halte gar nichts von Ihrer Politik.
B: Aha.
A: Ja. So geht das alles einfach nicht. Die gute alte Republik muss wieder her. Die Bürger sollen wieder selbst alles entscheiden, die Senatoren sollen aber auch ein Wörtchen mitreden dürfen.
B: Wenn Sie meine,
A: Ja, das meine ich. Wie kommen Sie. ein Einzelner, dazu, über alle bestimmen zu wollen?
B: Ach, das hat sich so ergeben.
A: Es hat sich so ergeben?
B: Man tut halt, was man kann. Und wenn sich die Gelegenheit bietet, ergreift man sie.
A: Weil man kann.
B: Genau.
A: Ein guter Grund ist das nicht.
B: Nun ja, Gründe, wissen Sie. Gründe gibt es immer, die finden sich schon, wenn man will.
A: Erst handeln, dann begründen.
B: So in etwa.
A: Erst die Macht an sich reißen und dann sagen, es geschehe ohnehin nur zum Wohle aller.
B: Ja.
A: Das genügt mir nicht.
B: Nicht?
A: Nein, ganz und gar nicht.
B: Tja, was soll ich sagen, das ist ja dann wohl Ihr Problem.

Dienstag, 24. Februar 2026

Attila

A: Was wollen Sie hier?
B: Ich bin Attila, der Hunnenkönig!
A: Danach habe ich nicht gefragt. Was wollen Sie hier?
B.: Ich überfalle dieses Land und erobere es.
A: So, so. Und das machen Sie ganz alleine?
B: Selbstverständlich nicht.
A: Sondern?
B: Mit meinen Horden. Die stürmen herbei, überrennen den Feind, metzeln alle nieder, die sich widersetzen, sie zünden Dörfer an und Städte, sie rauben und plündern und tragen Schätze zusammen …
A: Aha. Und darf ich fragen, wo die sind, Ihre Horden?
B. Die stehen draußen und warten nur darauf, dass ich sie rufe.
A: Warum?
B: Warum was?
A: Was Sie wollen: Warum warten Ihre Horden, warum würden Sie sie rufen? Und vor allem: Was wollen Sie überhaupt hier?
B: Das sagte ich doch bereits: Ich erobere dieses Land.
A: Ja, ja. Einfallen, überrennen, niedermetzeln, rauben und so weiter. Das habe ich schon verstanden. Aber warum? Was bezwecken Sie damit?
B: Was ich … was ich damit bezwecke? Also, ich, äh …
A: Sie wissen es nicht?
B: Ich …
A: Sie überfallen dieses Land, lassen ihre Horden niedermetzeln und niederbrennen, es wird gestohlen auf Teufel komm raus, unzählige Menschen werden in die Sklaverei verschleppt, all das in Ihrem Namen und von Ihnen befohlen, Ihr grausamer Ruf eilt Ihnen voraus, man nennt Sie die Geißel Gottes ― und Sie wissen gar nicht, was das alles eigentlich soll?
B: (Schreit.) Ehre! Reichtum! Macht!
A: So, so. Sie wollen also Ehre, Reichtum und Macht. Aber warum und wozu?
B: Ich …
A; Ja?
B: Die Ehre selbstverständlich um ihrer selbst willen! Den Reichtum, nun, den Reichtum, um ein gutes Leben führen zu können. Und die Macht …, um Ehre und Reichtum sichern! Umsie gegen alle meine Feinde zu verteidigen!
A: Nun ja. Sie hätten wohl viel weniger Feinde, womöglich gar keine, wenn Sie nicht dauernd fremde Länder überfielen und ausplünderten, wenn Sie nicht so schrecklich viel massakrierten und versklavten. Aber das nur am Rande. Mich beschäftigt nämlich eher die Frage: Hatten Sie eine schwere Kindheit? Geprägt von Gewalt und Entbehrungen? Haben Sie als Kind, als Jugendlicher, als erwachsener Mann hungern müssen? Waren sie obdachlos? Konnten Sie sich das, was andere hatten, einfach nicht leisten? War das demütigend? Leiden Sie seither unter einem Minderwertigkeitskomplex? Unter Versagensängsten?
B: Ich muss doch sehr bitten!
A: Ich frage nur, um zu verstehen, warum Sie so versessen sind auf Raubzüge und Mordbrennerei.
B: Na, hören Sie mal!
A: Ach, und was Ihre Ehre betrifft: Eine schöne Ehre ist das, die auf Metzeln und Rauben, auf Unterjochen und Versklaven beruht.
B: Sie zweifeln meine Ehre an?
A: Nun, in der Tat!
B: Das lasse ich mir nicht bieten! Ich bin Attila, der Hunnenkönig, die Geißel Gottes! (Zieht sein Schwert.) Nimm das, du Hund! (Versetzt A einen Schwerthieb. A stürzt zu Boden.)
C: (Tritt auf.) Herr Attila?
B: Ja?
C: Attila der Hunnenkönig?
B: Ja.
C: Herr Attila, Ihre Gummizelle wäre jetzt fertig. Kommen Sie bitte mit, ich bringe Sie hin. Ach, und das blutige Schwert können Sie gerne hier lassen. (B und C ab.)
A: (Richtet sich noch einmal auf.) Na, das erklärt selbstverständlich alles. (Stirbt.)


Freitag, 6. Februar 2026

Kleines Welttheater (3)

A: Und, was hat das alles gebracht?
B: Was meinen Sie?
A: Na, das alles. Die Weltgeschichte.
B: Viel Elend, viel Unrecht.
A: Sehen Sie.
B: Aber es kann ja noch kommen.
A: Was meinen Sie?
B: Die Umkehr, der Umsturz. Das bessere Leben.
A: Glauben Sie daran?
B: Nein.
A: Sehen Sie.
B: Aber möglich ist es.

Donnerstag, 29. Januar 2026

Kleines Welttheater (2)

A: Es waren drei. Drei, verstehst du?
B: Jaja.
A: Genau drei. Nicht zwei, nicht vier oder fünf. Drei.
B: Aha.
A: Es waren drei. Es hätten auch zwei oder vier sein können.
B: Hm.
A: Oder fünf. (Pause) Es waren aber drei.
B: Genau drei?
A: Genau drei.
B: Na dann

Der Tod Gottes

A: Gott ist tot. B: Ach du liebe Zeit, ich wusste gar nicht, dass er krank war. (Beide schweigen.) B: Oder war es ein Unfall? A: Nein. B: D...